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Journal Fallgeschichte

Tausend Bilder in Schuhkartons: Wie Heinrich sein Fotoarchiv wiederfand

Dr. Annegret Holtkamp

5 Min. Lesezeit

Heinrich, 74, hatte Jahrzehnte an Bildern auf Festplatte, Handy und Papier verstreut. Ein Erfahrungsbericht aus dem Unterricht, wie aus dem Durcheinander Schritt für Schritt kleine Alben wurden.

Tausend Bilder in Schuhkartons: Wie Heinrich sein Fotoarchiv wiederfand

Ein Nachmittag im Herbst, ein Karton voller Erinnerungen

Heinrich kam an einem regnerischen Nachmittag zu uns in die Heger-Tor-Wall, unter dem Arm einen Schuhkarton, in der Tasche ein Telefon mit mehr als zweitausend Bildern. Er war früher Leiter einer Abteilung in einem Maschinenbaubetrieb, ein Mann, der Ordnung gewohnt ist. Gerade deshalb störte ihn das Durcheinander. Die Urlaubsbilder der Achtzigerjahre lagen auf Papier, die späteren auf einer alten Festplatte, die jüngsten im Telefon.

Seine Frage war schlicht: Wie finde ich das Bild von unserer Silberhochzeit wieder, ohne eine Stunde zu suchen? Ich habe ihm versichert, dass diese Frage genau der richtige Anfang ist. Wir beginnen im Modul Fotoarchiv ordnen nie mit Technik, sondern mit dem, was Sie wiederfinden möchten.

Zu Beginn haben wir gar nichts geordnet. Wir haben nur nebeneinander gesessen und angeschaut, was da ist. Heinrich erzählte zu jedem dritten Bild eine Geschichte, und ich notierte mir, welche Anlässe ihm wichtig sind: Familienfeiern, Reisen, der Garten. Daraus entstand die Grundlage für alles Weitere.

Erst sichten, dann sortieren

In den ersten beiden Terminen ging es allein ums Sichten. Wir haben die Bilder vom Telefon auf das Tablet übertragen, das Heinrich ohnehin zu Hause nutzt, und dabei geübt, Bilder zu vergrößern, zu drehen und zu markieren. Ich lasse die Teilnehmenden jeden Handgriff selbst ausführen, auch wenn es länger dauert. Nur so bleibt das Wissen später in den eigenen Fingern.

Eine Hilfe war die automatische Gruppierung, die viele Fotoprogramme anbieten: Bilder derselben Person oder desselben Ortes werden zusammengestellt. Heinrich war zunächst skeptisch und wollte jedes Bild selbst prüfen. Wir haben vereinbart, dass er die Vorschläge als Entwurf versteht und jederzeit korrigieren darf. Nach einer halben Stunde hatte er verstanden, dass der Assistent vorsortiert, die Entscheidung aber bei ihm bleibt.

Dubletten und verwackelte Aufnahmen haben wir gemeinsam aussortiert. Es waren erstaunlich viele, fast ein Viertel der Sammlung. Nichts wurde gelöscht, ohne dass Heinrich es bestätigt hat, und vorher haben wir eine Sicherung angelegt.

  • Zuerst fragen, was Sie wiederfinden möchten
  • Vorschläge des Assistenten als Entwurf behandeln
  • Vor dem Aussortieren immer eine Sicherung anlegen

Namen, Orte und Schlagworte in eigenen Worten

Der dritte Schritt war für Heinrich der überraschendste. Er hat gelernt, einem Bild mit wenigen Worten eine Bezeichnung zu geben und den Assistenten per Sprache zu fragen: Zeige mir die Bilder vom Gardasee. Als nach wenigen Sekunden genau diese Bilder erschienen, lehnte er sich zurück und sagte nur: Das hätte ich früher gebraucht.

Wir haben bewusst darauf verzichtet, ein kompliziertes Ordnungssystem mit vielen Ebenen aufzubauen. Heinrich hat sich fünf Sammelbegriffe überlegt, die zu seinem Leben passen. Ein System, das man nach drei Wochen nicht mehr durchschaut, nützt niemandem, und deshalb lieber wenig und dafür verständlich.

Auch die alten Papierbilder haben wir einbezogen. Mit der Kamera des Tablets lassen sich Abzüge abfotografieren, wenn man auf gleichmäßiges Licht und einen ruhigen Untergrund achtet. Zehn Bilder haben wir gemeinsam aufgenommen, die übrigen hat er zu Hause nach und nach ergänzt, in seinem eigenen Tempo und ohne Druck.

Das erste kleine Album

Im fünften Termin ist das Album entstanden. Heinrich wollte zum Geburtstag seiner Frau eine Auswahl aus vierzig Jahren zusammenstellen. Wir haben dreißig Bilder ausgewählt, in eine zeitliche Reihenfolge gebracht und zu jedem ein bis zwei Sätze geschrieben. Den Textassistenten haben wir dabei nur als Gesprächspartner genutzt: Er hat Vorschläge gemacht, Heinrich hat sie umformuliert oder verworfen.

Das Ergebnis war ein digitales Album, das sich auf dem Tablet durchblättern lässt und das er der Familie schicken kann. Ich erinnere mich, dass er an einer Stelle lange innehielt, bei einem Bild seiner Frau am Strand, aufgenommen im Jahr 1991. Solche Augenblicke sind der eigentliche Lohn dieser Arbeit, und sie lassen sich nicht planen.

Wichtig war mir, dass Heinrich am Ende nicht von mir abhängig war. Er hat die Schritte in eigenen Worten auf einem Blatt festgehalten, das neben seinem Tablet liegt.

  • Dreißig Bilder statt dreihundert auswählen
  • Zu jedem Bild ein bis zwei eigene Sätze
  • Eigene Merkzettel für die wichtigsten Handgriffe

Was Heinrich heute anders macht

Einige Wochen nach dem letzten Termin hat Heinrich uns angerufen. Er sortiert neue Bilder jetzt jeden Sonntag in einer Viertelstunde, bevor sich wieder etwas ansammelt. Das war sein eigener Einfall, kein Rat von uns, und er funktioniert besser als jede Aufräumaktion, die man einmal im Jahr verspricht.

Er hat außerdem begonnen, den Enkeln Bilder zu schicken, die sie selbst gar nicht kannten, etwa den Vater als Jungen vor dem ersten Auto. Daraus sind Gespräche entstanden, die vorher nicht stattgefunden hätten. Für mich ist das der beste Beleg dafür, dass ein geordnetes Archiv mehr ist als Ordnung: Es macht Erzählen möglich.

Natürlich gab es auch Rückschläge. Einmal hat er versehentlich ein Album doppelt angelegt, ein anderes Mal fand er eine Funktion nicht wieder. Beides haben wir am Telefon geklärt, ohne Eile und ohne Vorwurf. Genau dafür ist die persönliche Begleitung da.

Was sich aus dieser Geschichte mitnehmen lässt

Jede Sammlung ist anders, und Heinrichs Weg lässt sich nicht einfach kopieren. Einige Haltungen aber tragen bei fast allen: mit einem konkreten Wunsch beginnen, klein anfangen, die eigenen Begriffe verwenden und dem Assistenten Vorschläge überlassen, die Entscheidung jedoch selbst treffen.

Gerade im Herbst, wenn die Tage kürzer werden und man gern drinnen bleibt, eignet sich die Zeit gut, um alte Bilder hervorzuholen. Es braucht dazu weder besondere Vorkenntnisse noch ein neues Gerät. Ein Tablet oder Telefon, ein ruhiger Tisch und ein Nachmittag genügen für den Anfang.

Wenn Sie überlegen, ob das Modul zu Ihnen passt: Bringen Sie einfach ein paar Bilder mit, die Ihnen etwas bedeuten. Alles Weitere ergibt sich im Gespräch, in Ihrem Tempo und ohne Fachsprache.

Heinrichs Karton steht heute leer im Schrank, seine Bilder sind geordnet, und das Album für seine Frau wurde zum Familienereignis. Entscheidend war nicht die Technik, sondern die Geduld, mit der wir Schritt für Schritt vorgegangen sind. Wer seine Erinnerungen wiederfinden möchte, braucht keinen großen Plan, sondern einen ersten Nachmittag und jemanden, der neben Ihnen sitzt und Zeit hat.

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